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Definition: Schicksal ("al-Qadar")
Das arabische Wort für Schicksal ist "Qadar". Es stammt aus der Wortwurzel
"qadara" (q-d-r), was soviel bedeutet wie "bestimmen" oder "imstande sein etwas zu tun".
Wörter wie "Fähigkeit", "Kraft" und "Macht" entspringen ebenfalls dieser Wortwurzel.
Man kann also auch von "Vorherbestimmung" reden, doch dazu später mehr.
Wichtigkeit
Der Glaube an das Schicksal zählt zu den 6 Bedingungen des islamischen Glaubens.
Da das Schicksal eine eher schwerer verständliche Lehre darstellt, steht es auch erst
an sechster Stelle. Die Verinnerlichung der ersten 5 Punkte ist somit vorrangig.
Der genau Artikel lautet: "Der Glaube an das Schicksal und, dass alles, ob gut oder
schlecht, von Gott kommt". Schicksal im islamischen Sinne bedeutet also, dass Gott Wissen
von allen vergangenen und zukünftigen Geschehnissen hat und diese somit als der Aufrechterhalter
erschafft. Folglich ist das Schicksal, im Sinne von "Qadar" eine weitere Eigenschaft Gottes.
Erläuterung: Schicksal, kleiner Wille, großer Wille
Wie oben erwähnt ist das Schicksal das Wissen Gottes über alle vergangenen und zukünftigen Geschehnisse.
Es ist jedoch nach islamischer Lehre nicht legitim, sein Handeln mit der Vorherbestimmung zu rechtfertigen.
Denn ein ausschlaggebender Punkt, welcher auch von Muslimen selbst oft nicht verstanden wird, ist, dass der
Mensch trotz allem die Fähigkeit zur freien Entscheidung hat, was letztendlich auch der Glaube an den Jüngsten
Tag hinsichtlich der Unterscheidung von Recht und Unrecht erfordert. Hierzu sind 2 Schlüsselbegriffe zu erläutern:
- Der kleine (oder eingeschränkte) Wille:
Der kleine Wille ist die Fähigkeit eines jeden Menschen frei zu entscheiden, was er tun will.
- Der große (oder absolute) Wille:
Der große Wille ist das Handeln Gottes, welcher alle Ereignisse erschafft.
Wollen wir beispielsweise ein Glas Wasser anheben so wird diese Handlung von Gott aufgrund unseres "kleinen Willens" mit dessen absolutem Willen erschaffen. Die Tatsache, dass Gott unser Handeln im Voraus weiß, ändert nichts daran, dass wir uns selbst dazu entscheiden. Hierzu ein wichtiger Satz:
"Das Wissen ist entsprechend dem Gewussten nicht das Gewusste entsprechend dem Wissen."
Das Wissen über eine Sache hat keinen Einfluss auf sie. Hierzu ein Beispiel: Die Vermutung, dass ein Kabel nicht unter Strom steht, hat keine Auswirkung auf dessen tatsächlichen Zustand. Es gibt einen wirklichen Zustand, der gewusst werden kann. Jedes falsche Wissen darüber bewirkt keine Änderung der Tatsachen.
Erschaffung von "Schlechtem"
Ein wichtiger Punkt, der eventuell Verständnisprobleme hervorrufen könnte, ist die Erschaffung von "schlechten" Dingen.
Entscheidet sich beispielsweise ein Mensch dazu, einen Mord zu begehen, ist es aus islamischer Sicht
auch Gott der diesen Mord geschehen lässt. Das Schlechte, in diesem Fall Mord, ist eine von Gott verbotene
Sache und der Mensch trägt die Verantwortung für sein falsches Handeln, da dies durch seinen kleinen Willen
geschah. Denn das Erschaffen von Schlechtem ist nicht schlecht, sondern die Entscheidung dazu. Gibt ein Lehrer
in einer Klassenarbeit z.B. falsche Antworten vor, so ist dies nur zum Prüfen der Schüler aber keinesfalls
falsch. Global betrachtet gibt es beispielsweise auch Krankheiten oder Kriege, bei denen sich oft Menschen
fragen, wo die Gerechtigkeit Gottes "abbliebe", bzw. seine vollkommenen Eigenschaften und seine Allmacht in
Frage stellen. Hierzu ist zu sagen, dass eine Welt ohne Ungerechtigkeit, Krankheit, Krieg, Verlust und Leid,
also kurz ohne negative Dinge im Widerspruch zur Prüfung stünde. In einer perfekten Welt gäbe es keinen
Kontrast, man könnte nicht geprüft werden, da es keine Alternativen zur richtigen Entscheidung gäbe.
Bedeutung für das Leben
Das Verständnis vom Schicksal sollte einige Nutzen für das Leben der Muslime haben. Hierzu zählt beispielsweise
die Verhinderung von Hochmut, falschem Stolz, Arroganz und dergleichen, da diese im islamischen Sinne auch schlechte Eigenschaften sind. Bei Handlungen die den kleinen Willen des Menschen voraussetzen (alle Handlungen, zu denen wir uns bewusst entscheiden) akzeptiert Gott diesen als einen Faktor zur Entstehung der Handlung. Für Handlungen, die ohne unseren Willen geschehen (z.B. Herzschlag, Atmung oder auch Pflichten die auf Grund von Behinderungen nicht durchgeführt werden können), trägt der Mensch ohnehin keine Verantwortung. Da der Wille des Menschen hierbei nur eine von unzähligen Bedingungen ist und letztendlich Gott die Handlung erschafft, ist kein Grund zu falschem Stolz oder Hochmut gegeben.
Außerdem würde man dann den eigenen (den kleinen) Willen über den absoluten Willen Gottes stellen, welcher letztendlich die Handlung erschafft. Festzuhalten ist:
- Der Mensch kann durch seine Entscheidung allein nicht Ursache für seine Handlungen sein, da sein Wille nur einen von vielen Faktoren darstellt. Dies sollte ihn daran hindern hochmütig und stolz zu sein.
- Er kann jedoch Ursache für das Nichtexistieren einer Sache sein, indem er sich dazu entschließt etwas nicht zu tun, was als Fehlfaktor für die Nichterschaffung einer Sache ausreicht. Somit trägt er Verantwortung für seine Taten.
Schicksal im Hinblick auf Gerechtigkeit und Geduld
Nach islamischer Lehre ist das Diesseits (das Leben vor dem Tod) nicht der Ort absoluter Gerechtigkeit.
Auch wenn es eine Pflicht für jeden Muslim ist, gerecht zu sein, wird es nie möglich sein absolut gerecht
zu sein. Das Schicksalsbewusstsein sollte dem Muslim dabei helfen, sich mit seiner Lage zufrieden zu geben
und geduldig gegenüber Missständen zu sein, was ihm jenseitigen Lohn einbringt.
Ein Ausspruch des Propheten Muhammad macht dies deutlich:
"Die Lage des Gläubigen ist zu bewundern, da alles für ihn gut ist. Und es geht nur ihm so. Denn wenn ihm etwas Gutes geschieht so ist er dankbar dafür und darin liegt Gutes für ihn. Und wenn ihm etwas schlechtes widerfährt so übt er Geduld und darin liegt Gutes für ihn."
(Hadith überliefert von Muslim)
Hierzu ist zu bemerken, dass Dankbarkeit und Geduld große islamische Tugenden sind, die als "gute Taten" einen jenseitigen Lohn mit sich bringen.
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